Replik auf das Interview mit Thomas Starnberger über die Generation Y

  • On 18. August 2014
  • Generationenkonflikt, Konformismus, Risikobereitschaft, Unwissenheit über Wirtschaft

Tim Kaltenborn und ich hatten die Idee, gemeinsam das Interview der Huffington Post Deutschland mit Thomas Sattelberger über die Generation Y zu kommentieren. In dem Interview gab es mehrere Aussagen bzw. Thesen, zu denen wir gerne Stellung nehmen möchten: Generation Y lebt 1. zu stromlinienförmig und regelkonform, ist 2. geprägt von Unsicherheit, der Angst vorm Scheitern und einer geringeren Risikobereitschaft und strebt 3. nach einer Festanstellung im Staatsdienst oder in großen Konzernen … 

1. Konformismus

Nehmen wir mal an, die Behauptung von Sattelberger, viele junge Menschen leben zu angepasst und stromlinienförmig, trifft zu, dann gilt doch zu hinterfragen, warum das so ist. Und hierbei fallen uns mehrere Motive ein:

Wir sind das Resultat der Babyboomer-Generation (zu der Sattelberger selbst auch gehört), also unsere Lehrer-, Dozenten-, Vorgesetzten- und Eltern-Generation. Jetzt über uns zu urteilen, ist auch gleichzeitig ein Urteil an Euch. Denn ihr habt uns in Schule, Ausbildung und Studium zu angepassten, braven, unkreativen Ja-Sagern mit stringentem Lebenslauf erzogen. Wer sich euren Vorschiften und Denkmustern nicht unterordnen wollte, wurde doch in den meisten Fällen mit schlechten Noten bestraft.Raum für eigene Ideen, Kreativität, experimentieren, kritisches Mit- und Querdenken, Fächer zur Förderung des unternehmerischen Denkens war bzw. ist in unserem Bildungssystem, dem ihr zugestimmt habt, doch gar nicht erwünscht.

Diese Stromlinienförmigkeit war nicht nur in unserer Ausbildungszeit erwünscht, sondern auch der klassische Personaler, der uns im Bewerbungsgespräch gegenübersitzt, ist darauf geschult, Lebensläufe mit Ecken und Kanten auszusortieren und sich auf Muster-Studenten mit mehrjähriger Praktikumserfahrung, Auslandsaufenthalt, Bestnoten und einem Lebenslauf ohne Weiter-/Bildungslücken zu konzentrieren. Ein weiteres Dilemma, das die Babyboomer-Generation mit verursacht.

Naja, und diese Stromlinienförmig zieht sich auch im Berufsleben so weiter durch. Weil eben auch viele Chefs der alten Schule – und hierbei sind wir schon wieder bei den Babyboomern, gewohnt sind, mit Anweisung und Kontrolle zu führen und sich schwer damit tun, Neues, unkonventionelle Ideen und damit einhergehend auch Fehler zuzulassen.

Und auch wer heute in großen Unternehmen Karriere machen möchte, muss sich dem bestehenden Regelwerk anpassen bzw. unterordnen. Was wiederum heißt, nicht die querdenkenden Leistungsträger sondern angepasste Weicheier und Ja-Sager steigen auf.

„Hm, so Recht Herr Sattelberger mit seiner Analyse auch hat

– die junge Generation trägt daran die geringste Schuld.

Wer sagt ihr denn, wie sie sich zu verhalten hat?

Und wer lebt es ihr vor, was funktioniert und „Erfolg“ bringt?

Das sind doch wir, die ‚Alten’.“

Henrik Zaborowski

Klar, auch wir geben Herr Sattelberger Recht, dass wir mehr junge Freigeister in allen Positionen benötigen. Denn nur wenn wir es schaffen, Talente, die bestehendes Hinterfragen, die keine Angst davor haben Fehler zu machen, sondern kreativ experimentieren und ihre Fehler reflektieren in diesen Unternehmen zu positionieren haben diese eine Chance am Markt zu überleben. Wenn aber die Chefs von heute weiterhin auf Effizienz als einziges Maß setzen und nicht auf kontinuierliches Lernen, werden die wenigsten davon sich auch in 20 Jahren noch gegenüber den Start-ups von morgen behaupten können. Denn dann sind sie nicht in der Lage, sich neu zu erfinden und innovativ zu bleiben.

Fazit: Sicherlich sollten wir jungen Menschen anfangen, mit mehr Mut zum Anderssein und Andersdenken die Arbeitswelt zu betreten. Gar keine Frage. Dazu brauchen bzw. wünschen wir uns aber auch eure Unterstützung – denn ihr sitzt aktuell noch in den jeweiligen Entscheiderpositionen und habt Einfluss darauf, ob wir sein dürfen, wie wir wollen oder sein müssen, wie ihr es für richtig haltet.

2. Unsicherheit / Angst vorm Scheitern / geringe Risikobereitschaft

Richtig. Viele der jungen Generation sind geprägt von Unsicherheit und der Angst vor der Zukunft. Aber auch hierbei gilt es doch zu hinterfragen, warum das so ist?

Weil wir uns als junge Generation nicht mehr vergleichbar wie die Generation von Herrn Sattelberger auf die Unterstützung vom Staat sowie die lebenslange Festanstellung in Unternehmen verlassen können – Eigenvorsorge wird wichtiger denn je zuvor, Steuern steigen immer weiter, Gehälter bleiben konstant oder mehr Arbeitszeit muss bei vergleichbarem Gehalt investiert werden. Uns werden oftmals nur noch befristete Verträge angeboten. Beide Elternteile müssen arbeiten, um Nachwuchs finanzieren zu können. Das Alleinversorgungsmodell ist heute fast nicht mehr realisierbar. Wie aber sollen wir Kindererziehung und Job gut balancieren, wenn in vielen Unternehmen das Versprechen einer „Work-Life Balance“ mehr Schein als Sein ist? Und wie sollen wir es zeitlich und finanziell auch stemmen können, unsere Eltern irgendwann mal zu pflegen und ihnen die Zuneigung und Liebe zurückgeben zu können, die wir jahrelang von ihnen erhalten haben? Wir haben es demnach zukünftig mit Lebensmodellen zu tun, die es bisher in der Form noch nicht bzw. nur selten gegeben hat. Klar, dass uns das auch ein Stück weit verunsichert, weil wir nicht wissen, ob unser neu kreiertes Modell in der Zukunft funktionieren oder scheitern wird.

Viele Jahre lang war (und ist immer noch) die Jobsicherheit eines der obersten Karriereziele von jungen Talenten. Doch es geht den jungen Menschen nicht mehr nur um eine sichere Anstellung, sondern vielmehr um die Sicherheit der eigenen Karriere bis zum Ende der Erwerbsfähigkeit. In der Zeit bis dahin können wir uns nicht darauf verlassen, dass die Fähigkeiten die wir während unserer Ausbildungsphasen gelernt haben auch in 40 Jahren noch gültig sein werden. Im Gegenteil, die Halbwertszeit von Fähigkeiten hat sich auf wenige Jahre reduziert. Das heißt für uns, wir müssen auf der einen Seite unsere Fähigkeiten und uns kontinuierlich auf den Prüfstand stellen und uns an die neuen Bedingungen anpassen. Das wir in einem modernen Karriereverständnis immer wieder Lern- und Ausbildungsphasen einbauen müssen, das ist für uns ok. Aber wenn wir schon in einer Zeit der Unsicherheit leben, warum sollen wir dann nicht nach Unternehmen schauen von denen wir uns einen Beitrag zum Erhalt unserer Beschäftigungsfähigkeit bis ins Rentenalter erhoffen? 

3. Festanstellung Staatsdienst / große Konzerne

Sowohl die Unwissenheit über Wirtschaft und Unternehmertum als auch die bestehende Unsicherheit führen dazu, dass viele junge Absolventen nach einem vermeintlich sicheren Job im Staatsdienst oder in großen Konzernen streben. Eine negative Entwicklung. Da stimmen wir Herrn Sattelberger zu. „[Junge Menschen] müssen sich selbst als Talent-Unternehmer, als Ich-AG verstehen. Sie müssen versuchen, zu einer Marke zu werden und entscheiden, für welches Thema oder welche Fähigkeit sie stehen wollen. (…) Wenn sie so weiter machen [wie bisher], werden viele von ihnen beruflich gesehen böse Überraschungen erleben. Aber auch für diese Entwicklung gibt es Ursachen und Motive.

Insbesondere die großen Unternehmen und Konzerne haben in den letzten Jahren verstärkt ihre Arbeitgebermarken positioniert und dabei in ihrem Markenversprechen auf die Werte und Ziele fokussiert, die in den jeweiligen Zielgruppen attraktiv sind. Offensichtlich stoßen diese Maßnahmen, die einen attraktiven Karriereeinstieg kommunizieren, in unserer ängstlichen und von Unsicherheiten geprägten Generation auf offene Ohren.

Junge Menschen werden in Schule, Ausbildung und Studium nicht ausreichend über die Wirtschaftslage, Entwicklungen und Alternativberufe informiert und in unternehmerische Kompetenzen geschult. Gerade dieses (vermeintliche) Allgemeinwissen und die Schlüsselkompetenzen sind es, bei denen sich Arbeitgeber und Konzerne in Deutschland deutlich größeres Engagement wünschen. Die Verantwortung zur Ausbildung dieser Kompetenzen wird aber nur zu gerne auf andere Institutionen und Lebensphasen geschoben. In Richtung von uns jungen Talenten heißt es dann gerne, dass wir nicht die richtigen Fähigkeiten mitbringen oder noch nicht genügend Reife und/oder Expertise haben um uns in unserem jungen Alter schon als Experte und Talent-Marke zu positionieren, geschweige denn uns Selbstständig zu machen.

Und wenn es auch etwas provokant klingen mag, aber wenn ich zum Ende meiner Ausbildung das Gefühl habe, dass die bisher erlangten Kompetenzen und Expertise noch nicht reichen um mich langfristig als Talent-Unternehmer abzusichern, würde ich mir auch eine Stelle suchen, die es mir ermöglicht nebenher meine Passion zu finden und die weiteren benötigten Fähigkeiten anzueignen, bevor ich den Schritt in die (noch) größere Unsicherheit wage.

Fazit

Wenn wir uns nun noch einmal die Argumente von Herr Sattelberger vor Augen führen: 1) Zu viel Konformismus, zu wenig Talent-Marke, 2) zu viel Unsicherheit und Angst und 3) Wunsch nach Anstellung in großen Unternehmen stellt sich uns abschließend die Frage, wie groß der Aufschrei (der großen Unternehmen) wäre, wenn a) junge Menschen noch mehr individuelle Wünsche an einen potentiellen Arbeitgeber stellen, b) die Zukunft zu rosig sehen und im Zweifelsfall blau-äugig in die nächste Krise laufen würden und c) kein junger Mensch mehr für ein DAX-Unternehmen arbeiten wollte. Wir glauben nicht dass das den dortigen Vorständen besser gefallen würde!

Wie ist eure Meinung zu dem Interview der Huffington Post mit Sattelberger? Und vor allem, was haltet ihr von unseren Gedanken dazu?

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